So sehr ich meinen Beruf auch liebe, aber ab und zu ärgere ich mich auch sehr darüber.
Ich spreche nicht von den finanziellen Engpässen, dem Neid unter Kollegen bei der Rollenverteilung oder das oft schamlose Verhalten der Pseudofilmemacher, die einem Material versprechen und man diesem dann monatelang nachlaufen muss, nein.
Unsere Sehgewohnheiten ändern sich.
Und damit meine ich uns alle, jeden einzelnen von uns.
Es gibt kaum mehr einen Kinofilm, der nicht in 3D läuft, schnelle Schnitte in Filmen gehören dazu wie Youporn nebenbei zum Mittagessen und ne Runde WoW in der Hausaufgabenpause.
In Zeiten von Youtube, Steadycam und MTV-Schnitten verliert man oft den Blick aufs Wesentliche, nämlich auf den Inhalt.
Erst vor Kurzem hatte ich eine Diskussion mit einer jungen Frau über Polanskis Meisterwerk “Rosemarys Baby”. In diesem Film aus dem Jahr 1968 breitet sich das Grauen langsam kriechend aus, das Drehbuch hält sich fast eins zu eins an die Romanvorlage und lässt den Zuschauer an Rosemarys Abdriften in den Wahnsinn (?) teilhaben.
Für mich gehört das Werk zu den besten Filmen überhaupt, und ich kann Mia Farrows Reaktionen in jeder Sekunde nachvollziehen. Auf mich hat der Film eine sogartige Wirkung, während meine Gesprächspartnerin - knapp 10 Jahre jünger - “Rosemarys Baby” als “langatmigen Schrott ohne Höhepunkte” empfunden hat.
Solche Filme verlangen dem Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit und Konzentration ab, belohnen aber mit detailreichen, fast schon hypnotischen Aufnahmen und beleuchten die Charaktere und ihre Situationen aus etlichen Blickwinkeln. Man sieht dem Schauspieler bei der Arbeit zu (wie im Falle von Mia Farrow), spürt ihre Entwicklung und verschmilzt mit der Realität der Darsteller. Darstellung und Inhalt werden eins.
Nimmt man sich einen Film wie “Avatar”, so bietet auch er eine Sogwirkung…ganz anderer Art. Dieses Effektgewitter vermag in der Tat den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen, doch bleiben einem die Bedürfnisse der Protagonisten ziemlich egal, hauptsache Effekte, Wumms und viel Geld in das Projekt geblasen.
Das Gleiche gilt fürs Theater: war früher der Text noch im Vordergrund gestanden, wird heutzutage viel gekürzt, vermeindlich Unnötiges herausgestrichen und/oder durch Videoprojektionen und/oder Musik zu einem cineastischen Event vermixt. Sei es in den Münchner Kammerspielen, an der Staatsoper, bei Theaterfestivals..die Verbindung von Film und Bühne ist mittlerweile Standard.
Warum? Weil der Zuschauer es gewöhnt ist und er sich bloß keine Sekunde langweilen darf. 90 Minuten ist die Aufmerksamkeitsspanne, die man dem Publikum zumuten darf, alles andere langweilt.
Seit ich als Schauspieler arbeite bzw. seit ich mich mit dem Theater und Film aus der Sicht der Macher auseinandersetze, hat sich mein Blick auf diese Medien sehr geändert.
Kleines Beispiel: im Jahr 1998 stand für mich fest, dass ich Schauspieler werden will. Damals noch extremer Musicalfan, sah ich im Wiener Raimundtheater die Urinszenierung von Polanskis “Tanz der Vampire”. Zu viert saßen wir in der ersten Reihe, sauteure Karten. Während meine Begleiter hin und weg waren von diesem Erlebnis, der Show und der Musik, war ich die meiste Zeit ziemlich genervt, dass die Bühnentechnik von unserem Platz aus so unverhüllt einsehbar war.
Die Illusion “Vampirschloss” kam bei mir nicht an, auch nicht die “Gefühlswelt” der Figuren, sah ich doch zu jeder Zeit die Gesangstechnik der Darstellerm ihre Mikros und die Schienen, über die Kulissenteile über die Bühne gefahren wurden.
Ich konnte den Blick auf das “Dahinter” nicht ausschalten.
Bei Horrorfilmen müssen Freunde wegsehen, wenn unglaubliche Gräueltaten über den Bildschirm flimmern, ich hingegen bin dabei beeindruckt von der schauspielerischen Leistung der Protagonisten.
Ein kontroverses Werk wie “Kidnapped” von Miguel Àngel Vivas, das als derzeit härtestes Genrefilm (neben “Martyrs”) gehandelt wird, stockt mir nicht den Atem aufgrund der Brutalität, die in der Tat viele Grenzen überschreitet. Ich sitze sprachlos vor dem Fernseher und frage mich, wie die spanischen Kollegen diese Konzentration und Ausdrucksstärke erreichen, um so echt zu wirken. Das Making Of gibt dabei faszinierende Aufschlüsse, und das verschlinge ich regelrecht.
Aber die Gewalt im Film lässt mich (nahezu) kalt.
Auch das eben angesprochene “Martyrs”, ein französischer Horrorfilm, dessen Finale alles übersteigt, was man bislang in solchen Filmen sehen “durfte”, hat mich nicht aufgrund seines Stoffes, sondern durch die Darstellung gepackt.
Vielleicht ist es eine Schutzfunktion meines Geistes, dass ich v.a. bei solchen Filmen das analytische Denken dem “Mitfühlen” und Erleben vorziehe, aber dadurch geht eben das “Erlebnis Film” für mich verloren.
Ähnlich, aber dann doch komplett anders ist es mit Komödien.
Comedy zu spielen ist wahnsinnig schwer, denn das Timing muss perfekt sitzen, die Worte müssen passen und man darf sich selbst als Schauspieler nicht lustig finden. Eine Tragödie auf die Bühne zu bringen ist um ein vielfaches leichter als gute Komödien.
Die größte Eigenschaft für einen Schauspieler ist es, wenn er von Natur aus komisch ist.
Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist “The Sweetest Thing” (“Super süß und super sexy”) mit Cameron Diaz, Christina Applegate und Selma Blair in den Hauptrollen. Das Drehbuch ist unterhaltsam-platt, oft weit unter der Gürtellinie, aber was die drei Frauen an Selbstironie und Spielfreude bieten, ist der absolute Wahnsinn.
Sie nehmen sich selbst nicht allzu ernst und versprühen eine Lebensfreude, dass man nicht anders kann als sie zu lieben.
Als Zuschauer sitze ich vor diesem Film, lache mich auch beim 20. Mal tot und gröhle wie ein Blöder, wenn sie den “Penis”-Song anstimmen. Hier verhält es sich wie bei den Horrorfilmen, nur umgekehrt:
Ich sehe nicht die Rollen, sondern tatsächlich Diaz, Applegate und Blair, wie sie mir eine Geschichte erzählen und sich für keinen noch so plumpen Gag zu schade sind…und dabei tatsächlich Spaß haben. Und das ist eine große Leistung, die meine Sehgewohnheiten auf Komödien ebenso geändert haben.
Deutsche, “lustige” Filme sind meist nicht der Brüller, weil sie zu gewollt sind.
Loriot hat es richtig gemacht mit seiner biederen Art, uns und sich selbst aufs Maul zu schauen.
Hape Kerkeling macht es richtig, wenn ich kurz “Kein Pardon” anmerken darf.
Ein Serdar Somuncu macht es richtig, wenn er über alles und jeden schmipft, und sich selbst dabei mit einbezieht.
Wir lachen über ihn, aber er meint es toternst. Und dann doch auch wieder nicht.
Komik, Komödie, Comedy muss man zulassen. Weniger ist mehr. Und entweder man ist lustig oder halt dann nicht. Akzeptiert es!
Ich möchte keinen Daniel Brühl sehen in einer komischen Rolle, denn er ist es nicht. Ich sehe Daniel Brühl beim Arbeiten zu, wie er versucht, zwanghaft lustig zu sein.
Ich möchte wieder vermehrt Menschen sehen, ich möchte Geschichten erleben, teilhaben.
Ich möchte keine schnellen Schnitte, ich will wissen, wie sich der Charakter fühlt. Teilhaben an Rosemarys langsam aufsteigender Paranoia, an Selmas Blair Sex in der Umkleidekabine mit einem riesigen rosa Elefanten, an Peter Schlönskes Hass im Hasenkostüm, während ein Heinz Wäscher “Witzischkeit kennt kein Pardon” trällert.
Ich möchte nicht mehr die 20 Mio Dollar durchs Bild fliegen sehen, in 3D um mich herum.
Ich möchte Kollegen auf der Bühne sehen, die mit ihren Mitteln Geschichten erzählen, mit einem offenen Herzraum ihre Gefühle offenbaren und dabei “Hamlet”, “Jean D`Arc” oder “von Krolock” heissen.
Denn auch diese Rollen sind Menschen wie Du und ich.