16
Jan.

Privat und offiziell twittern

Der nächste Schritt ist somit getan:
Seit eben gibt es den offiziellen Philipp Wimmer-Twitter-Account @philipp_wimmer, um eine weitere Trennung zwischen ToHeSeLü und dem Schauspieler Herrn Wimmer zu schaffen.

Vielleicht fällt es mir so noch leichter, kreativ-unverfälscht tätig zu sein, ohne ständig Big Brother im Nacken zu haben. Also, den BB, den ich mir selbst durch die Meinung von anderen aufhalse.

Mann, echt seltsam, wie man sich selbst der “Meinungsfreiheit” unterwirft heutzutage. Schrökklisch.

Was wird auf @philipp_wimmer passieren?
Um ehrlich zu sein ist dieser Account nur ein Weiterleitungsmedium für die offizielle Facebook-Seite bzw. ab und an vielleicht ein paar persönliche Statements, die sich aber ausschließlich um meine beruflichen Sachen drehen werden.
Der private Philipp ist und bleibt natürlich der mittlerweile weltbekannte, geliebte und mit Auszeichnungen überschüttete, von den Medien gehypte und von vielen als DER Twitter-Star schlechthin bezeichnete @toheselue.
(*räusper* Bisserl Wahnsinn g`hört doch dazu, oda?!) 

Habe fertig mit diese Eintrag.

13
Sept.

Der Schauspieler und die Kommunikation

Schauspieler sind im Kern keine “Spieler”, die etwas oder sich zur “Schau” stellen. Dafür gibt es die Schausteller auf den Jahrmärkten.Natürlich “spielen” wir unsere Rollen und stellen sie einem Publikum vor. Das ist aber nur der Prozess, den der Zuschauer sieht. Das Endresultat, nicht jedoch die eigentliche Arbeit.

Im Grunde machen Schauspieler nichts anderes, als eine Konfliktsituation zu beobachten und Kommunikation, verbal oder nonverbal (Stichpunkt “Körpersprache”) auf die Bühne zu bringen. Nicht die eigentliche Handlung steht im Vordergrund, sondern der Umgang der Protagonisten mit einem Konflikt. Wie entsteht der Konflikt, wie wird er gelöst.

Die Berufsbezeichnung “Schauspieler” ist missverständlich.Zerpflückt man das Wort in seine beiden Bestandteile, wird schnell klar, dass das die eigentliche Arbeit des Berufstandes zurückbleibt.

Schauspieler agieren in ihren Rollen und reagieren auf ihre Gesprächspartner in einer Szene. Es wird aktiv Kommunikation betrieben.Dabei tritt das “spielen” in den Hintergrund. Der Akteur studiert den Charakter seiner Rolle und handelt aus diesem vorgegebenen Schema heraus auf die Situation.Spannend ist es für das Publikum, wenn der Moment gezeigt und “kein Theater” daraus gemacht wird.

Im Englischen ist man näher an der Aufgabe des Berufstandes dran als im Deutschen. Dort gibt es den Actor und die Actress. Diese agieren, “they act” und reagieren, “react”.

Wage selbst einmal den Versuch und erfahre, mit welch wenigen Mitteln, nämlich nur mit dem eigenen Selbst, man ungeheuer spannende Momente erzeugen kann:
Setz Dich eine einzige Minute auf eine Bühne oder vor eine Gruppe von Leuten und mache nichts. Gar nichts. Einfach sitzen oder stehen und die anderen Leute anschauen.In diesen Momenten erfährst Du mehr über Dich selbst als Du Dir vorstellen kannst. Denn auch wenn wir gar nichts machen, einfach nur (mental) anwesend sind, kommunizieren wir trotzdem über unsere Körpersprache. Man muss nicht sprechen, um sich mitzuteilen. Das macht der Körper von selbst.Der Körper führt – die Stimme folgt.

Das, was einen brillanten Schauspieler auszeichnet ist die Fähigkeit, in jedem Augenblick, den er ausgestellt auf einer Bühne verbringt, wahrhaftig zu sein.

9
Sept.

“Keine Gage, aber garantiert Tape” 

Jaja, am Arsch!

Wir Schauspieler kennen das alle.
Kollege Marco Mehring schaut dem Biz aufs Maul. Kritisch, lustig (?), ehrlich, böse.
Und wahr.

Denn mal unter uns, liebe Kollegen:
Wer von uns hat nicht mal auf der Suche nach DEM neuen Demomaterial diese Situation durchgespielt? Und sich danach wahnsinnig darüber geärgert?
Na?
Kommentare und Meinungen willkommen. 

7
Sept.

Aufgabe von Regisseur & Schauspieler

Ein Schauspieler spielt ein Stück, ein Regisseur inszeniert das Stück. Soweit, so gut.

Aber was genau ist die Aufgabe von Regie und Schauspieler? Es reicht nicht als Regisseur zu sagen: “Hier im Text steht, Jim betrachtet das Glas, also nimmst Du das Glas und schaust es an.”, denn das kann der Schauspieler aus der vom Autor geschriebenen Regieanweisung selbst herauslesen.

Um eines gleich klarzustellen: Theater lässt sich nur ermöglichen, wenn die Darstellung geführt ist. Um etwas zum Leben zu erwecken, bedarf es der Darsteller.

Die Aufgabe der Regie ist es, das Stück zu begreifen, den Kern/ die Aussage herauszufiltern bzw. diese für sich selbst zu interpretieren und, das ist das Wichtigste, den Handlungsbogen zu spannen. Im Idealfall, und so ist es meistens am Theater, machen die Figuren ein Wandlung durch. Dies muss nicht unbedingt eine Läuterung, eine Entwicklung von Böse zu Gut sein. Nein, es reicht, dass sie eine Erkenntnis erlangen. Manchmal kommt es vor, dass die Ausgangssituation des Stücks am Ende wiederkehrt und die Figur vielleicht nicht direkt geändert wurde. Aber sie hat während der Zeitspanne, die das Stück erzählt, erfahren und gelernt. Der Regisseur wie der Schauspieler muss sich im Klaren darüber sein, wie der Bogen gespannt wird. Während der Regisseur oder Spielleiter (was es oft besser trifft) genau darauf achtet, dass die Szenen und die Bögen der Figuren stimmen und keine “Anschlussfehler” entstehen, muss der Schauspieler/Darsteller mit sich selbst herausfinden, wie diese Figur sich verändert, was sie lernt und erlebt. Er muss das selbst erleben, erfährt die Wandlung am eigenen Körper und im Geist und macht sie durch den Probenprozess wiederholbar, jederzeit aufrufbar. Schwierig ist es, wenn die Regie keinerlei Einfälle hat, wie sie an ein Stück herangeht. Viele Theatertexte lassen sich heutzutage nicht mehr so umsetzen wie zu ihrer Entstehungszeit, da sich die Wahrnehmung der Zuschauer im Laufe der Zeit ebenso geändert hat wie die Sprache, das soziale Verständnis, die Kleidung etc. In solchen Fällen muss die Regie wissen, wie die Intention des Autors und somit der Kern des Stücks dem heutigen Publikum näher gebracht werden kann. Die Aufgabe des Schauspielers ist es dann, durch seine Mittel dies auf die Bühne zu bringen.

Die Kommunikation zwischen Regie und Darstellung ist enorm wichtig, denn letztendlich geht es darum, gemeinsam dem Zuschauer eine Gesichte zu erzählen. Und wenn nur ein Teil des Teams weiß, wie die Geschichte verläuft, ist es beinahe unmöglich, eine (Bühnen-)Wahrheit zu schaffen.

Leider kommt es oft genug vor, dass die Regie “nur sich selbst” verwirklichen will, mit dem Vorwand der Provokation. Aber meiner Meinung nach ist es das nicht. Wenn ich ins Theater gehe, möchte ich davon etwas mitnehmen, und wenn es auch “nur” Unterhaltung ist. Wenn ich aber dasitze und keine Ahnung mehr habe, was das auf der Bühne eigentlich soll, dann ist das ursprüngliche Ziel, die Aufgabe des Theaters verfehlt.

Eine meiner schönsten Erfahrungen war der “Sommernachtstraum“von Shakespeare im Jahr 2009/2010 bei den Carl Orff-Festspielen auf Andechs. Regisseur Marcus Everding sagte zu uns bei der ersten Probe: “Ich weiß nicht, wie unser Sommernachtstraum aussehen wird, aber wir werden ihn gemeinsam erleben.” Everding erzählte uns seine Sichtweise der Charaktere, machte uns begreifbar, was er für Bilder hatte, und wir Schauspieler boten auf der Bühne Aktionen, Handlungen, Auf- und Abgänge an. Und Regisseur Everding sortierte und fügte alles zu einem großen Ganzen zusammen. Learning by doing, aber immer mit dem Wissen, dass man ein gemeinsames Ziel vor Augen hat: Das Erleben eines Sommernachtstraumes.

Eine andere Erfahrung war das Abschlussstück “Electronic City” auf der Schauspielschule. Regisseur Helmut Schorlemmer gab uns die Aufgabe, (Arche)Typen zu erstellen, eine kleine Biographie zu schreiben, und aufgrund dieser Figurenkonstellationen, die von uns kamen (der Loser, das Traumgirl, der Psychopath, Ghost, Mental, Showgirl…) wurde der Text aufgeteilt und die Inszenierung erarbeitet. Falk Richters Stück über die Schnelllebigkeit unserer Zeit, das ständige Online-Sein, die Nicht-Kommunkation trotz unserer Kommunkationsmittel hat ein unglaubliches Tempo und ist vom Autor nicht mit Regieanweisungen geordnet. So ist es am Regisseur, den vorliegenden Fließtext für das Publikum im Voraus zu durchdenken und aufzubereiten.

Ich möchte nicht behaupten, dass Schauspieler ohne Regie aufgeschmissen sind. Es bedarf jemanden von aussen, der den Überblick behält, der korrigiert und sagt, ob eine Idee / Aktion aufgeht oder nicht. Aber man sollte auch dem Schauspieler die Möglichkeit und Freiraum bieten, seine Ideen und Vorstellungen einzubringen.
Denn letztendlich geht es darum, Menschen auf der Bühne zu zeigen. Und wir Schauspieler können nur “uns” einbringen. Uns und unser (Seelen)Leben. 

4
Sept.

Sehgewohnheiten ändern sich

So sehr ich meinen Beruf auch liebe, aber ab und zu ärgere ich mich auch sehr darüber.
Ich spreche nicht von den finanziellen Engpässen, dem Neid unter Kollegen bei der Rollenverteilung oder das oft schamlose Verhalten der Pseudofilmemacher, die einem Material versprechen und man diesem dann monatelang nachlaufen muss, nein.

Unsere Sehgewohnheiten ändern sich.
Und damit meine ich uns alle, jeden einzelnen von uns.
Es gibt kaum mehr einen Kinofilm, der nicht in 3D läuft, schnelle Schnitte in Filmen gehören dazu wie Youporn nebenbei zum Mittagessen und ne Runde WoW in der Hausaufgabenpause.
In Zeiten von Youtube, Steadycam und MTV-Schnitten verliert man oft den Blick aufs Wesentliche, nämlich auf den Inhalt.

Erst vor Kurzem hatte ich eine Diskussion mit einer jungen Frau über Polanskis Meisterwerk “Rosemarys Baby”. In diesem Film aus dem Jahr 1968 breitet sich das Grauen langsam kriechend aus, das Drehbuch hält sich fast eins zu eins an die Romanvorlage und lässt den Zuschauer an Rosemarys Abdriften in den Wahnsinn (?) teilhaben.
Für mich gehört das Werk zu den besten Filmen überhaupt, und ich kann Mia Farrows Reaktionen in jeder Sekunde nachvollziehen. Auf mich hat der Film eine sogartige Wirkung, während meine Gesprächspartnerin - knapp 10 Jahre jünger - “Rosemarys Baby” als “langatmigen Schrott ohne Höhepunkte” empfunden hat.

Solche Filme verlangen dem Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit und Konzentration ab, belohnen aber mit detailreichen, fast schon hypnotischen Aufnahmen und beleuchten die Charaktere und ihre Situationen aus etlichen Blickwinkeln. Man sieht dem Schauspieler bei der Arbeit zu (wie im Falle von Mia Farrow), spürt ihre Entwicklung und verschmilzt mit der Realität der Darsteller. Darstellung und Inhalt werden eins.

Nimmt man sich einen Film wie “Avatar”, so bietet auch er eine Sogwirkung…ganz anderer Art. Dieses Effektgewitter vermag in der Tat den Zuschauer in seinen Bann zu ziehen, doch bleiben einem die Bedürfnisse der Protagonisten ziemlich egal, hauptsache Effekte, Wumms und viel Geld in das Projekt geblasen.

Das Gleiche gilt fürs Theater: war früher der Text noch im Vordergrund gestanden, wird heutzutage viel gekürzt, vermeindlich Unnötiges herausgestrichen und/oder durch Videoprojektionen und/oder Musik zu einem cineastischen Event vermixt. Sei es in den Münchner Kammerspielen, an der Staatsoper, bei Theaterfestivals..die Verbindung von Film und Bühne ist mittlerweile Standard. 
Warum? Weil der Zuschauer es gewöhnt ist und er sich bloß keine Sekunde langweilen darf. 90 Minuten ist die Aufmerksamkeitsspanne, die man dem Publikum zumuten darf, alles andere langweilt.

Seit ich als Schauspieler arbeite bzw. seit ich mich mit dem Theater und Film aus der Sicht der Macher auseinandersetze, hat sich mein Blick auf diese Medien sehr geändert.
Kleines Beispiel: im Jahr 1998 stand für mich fest, dass ich Schauspieler werden will. Damals noch extremer Musicalfan, sah ich im Wiener Raimundtheater die Urinszenierung von Polanskis “Tanz der Vampire”. Zu viert saßen wir in der ersten Reihe, sauteure Karten. Während meine Begleiter hin und weg waren von diesem Erlebnis, der Show und der Musik, war ich die meiste Zeit ziemlich genervt, dass die Bühnentechnik von unserem Platz aus so unverhüllt einsehbar war.
Die Illusion “Vampirschloss” kam bei mir nicht an, auch nicht die “Gefühlswelt” der Figuren, sah ich doch zu jeder Zeit die Gesangstechnik der Darstellerm ihre Mikros und die Schienen, über die Kulissenteile über die Bühne gefahren wurden.
Ich konnte den Blick auf das “Dahinter” nicht ausschalten.

Bei Horrorfilmen müssen Freunde wegsehen, wenn unglaubliche Gräueltaten über den Bildschirm flimmern, ich hingegen bin dabei beeindruckt von der schauspielerischen Leistung der Protagonisten.
Ein kontroverses Werk wie “Kidnapped” von Miguel Àngel Vivas, das als derzeit härtestes Genrefilm (neben “Martyrs”) gehandelt wird, stockt mir nicht den Atem aufgrund der Brutalität, die in der Tat viele Grenzen überschreitet. Ich sitze sprachlos vor dem Fernseher und frage mich, wie die spanischen Kollegen diese Konzentration und Ausdrucksstärke erreichen, um so echt zu wirken. Das Making Of gibt dabei faszinierende Aufschlüsse, und das verschlinge ich regelrecht.
Aber die Gewalt im Film lässt mich (nahezu) kalt.
Auch das eben angesprochene “Martyrs”, ein französischer Horrorfilm, dessen Finale alles übersteigt, was man bislang in solchen Filmen sehen “durfte”, hat mich nicht aufgrund seines Stoffes, sondern durch die Darstellung gepackt.

Vielleicht ist es eine Schutzfunktion meines Geistes, dass ich v.a. bei solchen Filmen das analytische Denken dem “Mitfühlen” und Erleben vorziehe, aber dadurch geht eben das “Erlebnis Film” für mich verloren. 

Ähnlich, aber dann doch komplett anders ist es mit Komödien.
Comedy zu spielen ist wahnsinnig schwer, denn das Timing muss perfekt sitzen, die Worte müssen passen und man darf sich selbst als Schauspieler nicht lustig finden. Eine Tragödie auf die Bühne zu bringen ist um ein vielfaches leichter als gute Komödien.
Die größte Eigenschaft für einen Schauspieler ist es, wenn er von Natur aus komisch ist.
Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist “The Sweetest Thing” (“Super süß und super sexy”) mit Cameron Diaz, Christina Applegate und Selma Blair in den Hauptrollen. Das Drehbuch ist unterhaltsam-platt, oft weit unter der Gürtellinie, aber was die drei Frauen an Selbstironie und Spielfreude bieten, ist der absolute Wahnsinn.
Sie nehmen sich selbst nicht allzu ernst und versprühen eine Lebensfreude, dass man nicht anders kann als sie zu lieben.
Als Zuschauer sitze ich vor diesem Film, lache mich auch beim 20. Mal tot und gröhle wie ein Blöder, wenn sie den “Penis”-Song anstimmen. Hier verhält es sich wie bei den Horrorfilmen, nur umgekehrt:
Ich sehe nicht die Rollen, sondern tatsächlich Diaz, Applegate und Blair, wie sie mir eine Geschichte erzählen und sich für keinen noch so plumpen Gag zu schade sind…und dabei tatsächlich Spaß haben. Und das ist eine große Leistung, die meine Sehgewohnheiten auf Komödien ebenso geändert haben.
Deutsche, “lustige” Filme sind meist nicht der Brüller, weil sie zu gewollt sind.
Loriot hat es richtig gemacht mit seiner biederen Art, uns und sich selbst aufs Maul zu schauen.
Hape Kerkeling macht es richtig, wenn ich kurz “Kein Pardon” anmerken darf.

Ein Serdar Somuncu macht es richtig, wenn er über alles und jeden schmipft, und sich selbst dabei mit einbezieht.
Wir lachen über ihn, aber er meint es toternst. Und dann doch auch wieder nicht.

Komik, Komödie, Comedy muss man zulassen. Weniger ist mehr. Und entweder man ist lustig oder halt dann nicht. Akzeptiert es!
Ich möchte keinen Daniel Brühl sehen in einer komischen Rolle, denn er ist es nicht. Ich sehe Daniel Brühl beim Arbeiten zu, wie er versucht, zwanghaft lustig zu sein.

Ich möchte wieder vermehrt Menschen sehen, ich möchte Geschichten erleben, teilhaben.
Ich möchte keine schnellen Schnitte, ich will wissen, wie sich der Charakter fühlt. Teilhaben an Rosemarys langsam aufsteigender Paranoia, an Selmas Blair Sex in der Umkleidekabine mit einem riesigen rosa Elefanten, an Peter Schlönskes Hass im Hasenkostüm, während ein Heinz Wäscher “Witzischkeit kennt kein Pardon” trällert.

Ich möchte nicht mehr die 20 Mio Dollar durchs Bild fliegen sehen, in 3D um mich herum.

Ich möchte Kollegen auf der Bühne sehen, die mit ihren Mitteln Geschichten erzählen, mit einem offenen Herzraum ihre Gefühle offenbaren und dabei “Hamlet”, “Jean D`Arc” oder “von Krolock” heissen.
Denn auch diese Rollen sind Menschen wie Du und ich. 

4
Sept.

Ich bin Schaufühler

“Hallo, mein Name ist Philipp. Ich bin von Beruf Schaufühler.”

So würde wohl kein Schauspieler ein Gespräch beginnen. Aussagen wie “Moment, ich bin noch nicht in der Rolle” oder, noch schöner “Ich fühl`s nicht!” sollte man am besten noch während der Schauspielausbildung tief unten in der “Worst Case”-Tasche vergraben. Meine Meinung.
Der Beruf des Schauspielers setzt sich zusammen aus den Worten schauen und, richtig…spielen. Dadurch ist die Magie des Berufes schon gebrochen. Wir spielen. Was auf der Bühne passiert, ist ein Spiel, ein nicht   reales Erlebnis.
Mir persönlich gefällt der englische Begriff actor besser.
Denn das ist eigentlich, was wir in unserem Job machen. to act and react. Agieren und reagieren. Gutes Schauspiel zeichnet sich durch Zuhören, Aufnehmen und Reagieren aus. Nur wenn ich wirklich weiß, was mein Gegenüber von mir will, wenn ich es in seinen Augen sehe und seine Stimme höre, dann kann ich glaubhaft “spielen”, wie mein Charakter auf das eben Gehörte reagiert. Das impliziert natürlich, dass ich in diesem Augenblick nicht “weiß”, was mein Partner zu mir sagt. Klar, ich habe meinen Text gelernt, die Stichwörter, wir haben das Gespräch geprobt.
Die Kunst besteht darin, all das wiederholbar zu machen, in jeder Vorstellung neu zu finden.
Wenn Hamlet von Horatio erfährt, dass der Geist seines Vaters in Helsingör herumschwirrt, ist das ein Schock. Er mag es nicht glauben, aber muss es sehen. Hamlet will wissen, was wirklich passiert ist. Auf der Probe ist der Prozess des Findens wichtig. Hier, im geschützen Rahmen einer Probe weist mir der Regisseur den Weg, um mich in Hamlets nur allzu menschliche Psyche hineinzuversetzen. Sobald wir zusammen eine Lösung gefunden haben, wie der Schauspieler Philipp glaubhaft darstellt, dass er fassungslos über die Neuigkeiten ist, die ihm sein verstorbener Vater eben unterbreitet, speichere ich diese in mir ab und weiß tief in mir, wie mein Körper reagiert. An jeder Vorstellung ist dieses Wissen in mir und steigt erneut hoch.

Schauspieler sind Darsteller. Sie stellen Charaktere, Situationen und Geschichten dar. Wir sind das Sprachrohr des Autors, erwecken seine Gedanken zu Leben. Nicht um uns geht es auf der Bühne, es ist nicht wichtig, dass wir Unmengen von Emotionen fühlen, in Mitleid und Trauer zergehen und in schwarze Löcher fallen, nein! Unser Job ist es, Emotionen und Bilder beim Zuschauer näherzubringen.
Indem wir schau-spielen, darstellen, agieren und reagieren.

3
Sept.

Lähmende Resignation

Schauspieler gesucht, perfekte Englischkenntnisse vorausgesetzt.” / “Tänzerisch stark, gesanglich gute Darsteller gesucht!” / “Schauspieler bis max. 24 für große Hauptrolle gesucht!” / “Voraussetzung: eigenes Auto.” / “Tolle Rolle, aber leider kein Geld. Gut für den Lebenslauf.” / “Sehr junger Schauspieler oder jungenhafte Schauspielerin gesucht.” / “Native Speaker!” / “Exzellenter Sänger mit großer Bandbreite an schauspielerischem Können gesucht.” / “Bitte NUR Hamburg und Umgebung. Gage: 2000 EUR für 3 Vorstellungen.” / etc. etc. etc.

Wer kennt es nicht, die lähmende Resignation, wenn man sich auf Theaterjobs und anderen Portalen einloggt, mit großer Bewerbungslust. Alle Fotos bereitgestellt, die Vita aktualisiert, ein gutes Anschreiben formuliert, und schon kann es losgehen. Und dann sucht man. Man sucht nach DEM Job-Angebot, auf das man auf alle Fälle passt. Und dann ist man entweder zu dick, zu dünn, zu jung, zu alt, zu deutsch, zu weit weg, zu un”-exzellent”, zu unflexibel, ein zu schlechter Sänger, GAR kein Sänger, tanzen kann man sowieso nicht, langjährige Bühnenerfahrung hat man schon irgendwie oder auch doch nicht weil es zählt ja nicht alles zu professioneller Bühnenerfahrung und eigentlich sollte man ja gar nicht und überhaupt.

Jeder Künstler hat bestimmt schon einmal den Punkt erreicht, wo er sich fragt, ob dieser Beruf das Richtige für ihn ist. Ob er denn überhaupt da draussen bestehen kann. Ob er denn überhaupt gut (genug) ist, um die Bretter, die die Welt bedeuten, zu betreten. Ob er eine Daseins-Berechtung in der Kunst hat.

Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage.

Und tief im Herzen weiß man, dass es nur diesen einen Beruf gibt.
Und dann sagt jemand zu Dir: “Ich fand Dich gestern auf der Bühne verdammt gut. Gratulation.” oder “Mir gefällt Ihr Auftreten, Ihre Persönlichkeit. Sie sind interessant. Ich biete Ihnen … an.” Und schon füllt sich das leere Gefäß, das wir “Künstler” nennen, wieder mit Leben. Wir füllen es an, weil die anderen wollen, dass wir wieder zu geben haben.

Die lähmende Resignation, die wir vielleicht öfters mal verspüren, weil “etwas nicht so läuft”, wie wir es uns vorgestellt haben, gehört einfach dazu. Im religiösen Sinn bedeutet Resignation “Gelassenheit”, die Ergebung des eigenen Willens in den Willen Gottes.
Und in Gottes Willen sind wir gut aufgehoben. Er erfüllt uns mit Kraft und Energie.
Neein, ich will hier jetzt nicht predigen, ich bin auch nicht sonderlich religiös. Aber wenn man in Zeiten, in denen man glaubt stillzustehen, wert- und nutzlos zu sein, daran glaubt, dass das “Gefäß” nun einfach danach giert, wieder gefüllt zu werden, dann kommt es auch. Resignation ist nur dann schlimm, wenn sie zur Apathie oder Lethargie wird. Und davor warne ich ausdrücklich! Innehalten, sich kurz neu orientieren, zurückblicken auf das, was man gemacht und geschafft hat und daraus neue Energie gewinnen. Der Weg ist das Ziel.

In diesem Sinne: Die ganze Welt ist Bühne.
Und diese Bühne hat viele Bretter.
So ist für jeden eines dabei. :-)

2
Sept.

Wie man ein besserer Schauspieler wird (Gastbeitrag von @nikolaiwill)

Kollege Nikolai Will hat sein Blog zum Thema Schauspiel reaktiviert, und so bin ich heute über seinen neuesten Artikel gestolpert. Mit seinem Einverständnis durfte ich seine Gedanken über unseren Beruf nun auch hier für Euch veröffentlichen.

Nikos Tipps, um ein besserer Schauspieler zu werden:

1.) Filme schauen…sind wir doch mal ehrlich alles was wir an interessanten Rollen angeboten bekommen wurde irgendwann schon mal gespielt und wahrscheinlich gibt es auch eine mehrfach preisgekrönte Variante dieses Parts! Also studiere diese Performance! Es geht nicht darum abzukupfern sondern zu schauen welche Gedanken hat sich der Darsteller gemacht…warum spielt er den Part so und nicht anders…und wenn Du den Gedanken hinter der Darstellung verstehst kannst Du Elemente dieser Darstellung auf Deine Art für Dich übersetzen und etwas persönliches entstehen lassen !

2.) Tiere studieren… alle Eigenschaften die wir für eine Rolle brauchen finden wir in den Tieren wieder. Nicht umsonst gibt es Fabeln!!
Geht in den Zoo und beobachtet die “falsche, unterwürfige, lauernde Hyäne” oder ” die stolze Löwin” oder auch das “scheue Reh”…für jede Rolle lässt sich etwas im Tierreich finden! Natürlich kann man sich auch Dokumentationen schauen wenn der Geldbeutel den Besuch nicht hergibt !

3.) Menschen beobachten...immer noch die einfachste und effektivste Lösung, mit offenen Augen durch die Welt gehen und seine Mitmenschen beobachten…es gibt so lustige Gänge, Sprechweisen, Gesten…dass könnte man sich gar nicht alles ausdenken !!

4.) Youtube...man findet dort eigentlich jede Dokumentation die man für eine Rolle benötigt…seien es Berichte über Junkies, Aidskranke oder Pädophile…es findet sich zu jedem Thema etwas.

5.) Lesen...geht in die Bücherei und besorgt Euch Literatur über die Zeit in der Eure Figur lebt, über die Gegebenheiten der Zeit oder sucht Bücher über die Krankheit oder das psychologische Problem Eurer Figur…auch hier gilt es wurde über jedes Thema schon ein Buch verfasst !

6.) Sprecht mit Kollegen...wir sollten nicht gegeneinander sondern miteinander arbeiten…es gibt manche Rollen da hat man einfach Freunde im Umkreis bei denen man weiss er/sie wäre eigentlich der/die bessere Besetzung für den Part. Macht Euch das zu Nutzen und sprecht mit der Person, welche Gedanken er / sie zu dieser Figur hat…manchmal reicht es auch sich vorzustellen man ist dieser betreffende Freund !

7.) Coaching...kostet zwar eine Kleinigkeit, aber ein toller Coach weiss genau woran es Euch fehlt und wird deshalb an Euren Schwächen arbeiten die es auszumerzen gibt für die betreffende Rolle oder er wird dafür sorgen Eure Schwäche zur Stärke zu machen…den gerade die Schwächen machen eine Figur in den meisten Fällen erst interessant und lebendig!

8.) Entspannt sein...zugegebenermasen eines meiner grössten Probleme, aber erst wenn man es schafft entspannt zu sein kann man das abrufen was man sich für seine Rolle vorgenommen hat und auch “im Moment sein” !!! Die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzählen würde den Rahmen hier sprengen…von Yoga über Pilates…es gibt 1000 Angebote !!

9.) Zuhören...hört Euren Partnern vor der Kamera zu und Ihr werdet ganz natürlich reagieren, sofern Ihr nicht an einen schauspielerischen Vollpfosten geraden seid !! 10.)

Und zu guter Letzt: Glaubt an Euch…es hat einen Grund dass Ihr die Rolle bekommen habt und kein anderer!!!

Nikolai und ich sind gespannt auf Eure Kommentare und Euer Feedback!!